Es handelt sich um kleine Arbeiten von mir, die sich noch im Stadium des Überarbeitens befinden. Deswegen sind jedem Artikel am Ende "Zusätze" hinzugefügt, die ggf. eingearbeitet werden. Diese Artikel verstehe ich als "funktionale" Bausteine, die die Theorie der Eigenbewegung zusätzlich fundieren sollen.
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1. Ein Leserbrief „Ein Nahversorger in Tarup hat Zukunft" zur Unterstüzung einer Initative
2. Wie das Wie realisieren- Erste Gedanken zur atomfreien Zeit nach Fukushima
3. Klassen und Klassenbewusstsein
4. Entgegensetzen und Unterscheiden
5. Der Motor aus anthropologischer Sicht
6. Warum der Begriff der Eigenbewegung unverzichtbar ist? - Das „motorisierte Auge“ ist eine Defizitform
7. Banken und Gesellschaft
8. Die gute und die schlechte Seite der Moderne
9. Eigenbewegung (in Wikipedia gelöscht)
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1. „Ein Nahversorger in Tarup hat Zukunft
Obwohl die engagierte Bürgerinitiative „Treffpunkt Tarup“ aus meiner
Sicht über ein überzeugendes Nutzungskonzept verfügt und bereitwillige
Investoren gefunden hat, gibt es beträchtliche Hindernisse. Die Nospa,
der dänische Insolvenzverwalter und offensichtlich auch die Politik
scheinen in dem vorgelegten Projekt keine wirtschaftlich vertretbare
Lösung zu sehen, obwohl sich die Situation inzwischen positiv für den
Standort Tarup verändert hat, was aber von den drei Institutionen bisher
nicht wahrgenommen wurde.
A. Die Schließung des Edeka-Marktes vor nun fast zwei Jahren hat
bei vielen Bürgern zur Einsicht geführt, dass sie zu dessen Schließung
beigetragen haben, weil sie dort nur selten einkauften. Häufig höre ich
inzwischen den Satz „Das würde ich nun anders machen.“ Auch erkennen
viele, dass die Fahrten zu den bekannten Einkaufszentren unterm
Strich nicht billig sind und dass ein übergroßes Angebot gar nicht so
lebensnotwendig ist.
B. Bürgermeister Henning Brüggemann, Vorsitzender des Klimapakts,
hat mit Recht kein Verständnis dafür, wenn man mit dem Auto zum
Brötchenholen fährt. Das verallgemeinert: Nahversorger, die ohne
größeren Aufwand zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sind, sind auch ein
Beitrag zum Klimaschutz.
C. Immer mehr Taruper Bürgern wird bewusst, dass sie in einem
Stadtteil ohne Mittelpunkt wohnen. Ein Einkaufszentrum in Tarup gäbe
diesem Stadtteil wieder ein sichtbares und ansprechendes Zentrum, wo
man sich trifft, austauscht und kennen lernt, kurz: ein Ort, an dem
eine lebendige Öffentlichkeit sich entwickeln kann.
D. Das Bewusstsein für eine nachhaltige und zukunftorientierte
Entwicklung steigt. Das bisherige Konzept der Ausweitung des
Individualverkehrs erreicht Grenzen: Einerseits werden die Energiekosten
notwendigerweise weiter steigen, andererseits werden die
krankmachenden Folgen durch den Verzicht auf Eigenbewegung in
Alltagssituationen immer offensichtlicher. Das Ende der Bequemlichkeit
naht. Eine Entwicklung zu kleinteiligen Strukturen mit gut erreichbaren
Einrichtungen wird notwendigerweise die Folge sein. Nahstrukturen
sind nachhaltiger und letztlich zukunftssicherer.
Ich appelliere deshalb an die Nospa, den Insolvenzverwalter und die
Stadt Flensburg, nicht von Verhältnissen von vor zwei Jahren auf
zukünftige zu schließen, denn das wäre Denkfaulheit zum Nachteil der
Zukunft. Gleichzeitig fordere ich alle Taruper Bürger auf, sich ihrer
Verantwortung gegenüber ihrem Stadtteil zu öffnen, diesen nicht nur als
reinen Platzhalter für ihr Wohnen zu betrachten, sondern sich aktiv in
die dortige soziale Situation zu integrieren– und das hieße auch, dort
in Zukunft so viel wie möglich einzukaufen – wenn wir endlich wieder
einen Nahversorger haben.“
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Wie das Wie realisieren? - Erste Gedanken zur atomfreien Zeit nach
Fukushima
(erschienen in dem Onlinemagazin "Iley")
Zumindest nach Fukushima geht es nicht mehr um das „Ob“, sondern um
das „Wie“. Gegen die Atomenergie zu sein, ist notwendig, aber nicht
hinreichend. Es müssen Wege aufgezeigt werden, wie der riesige
weltweite Energiebedarf verkleinert werden kann.
Nach Hans-Peter Dürr entsprechen die Energieumsätze um 2003 weltweit
der Einwirkung von 130 Milliarden Energiesklaven, wobei vier
Energiesklaven die physische Arbeit eines Pferdes (PS) zwölf Stunden
am Tag ohne Pausen leisten. Ein US-Amerikaner beschäftigt
hundertzehn, ein Europäer sechzig, ein Chinese acht und ein
Bangladeschi weniger als einen (1) Energiesklaven für sich, wobei
sich diese Zahlen seit jener Zeit wiederum nach oben verschoben
haben. Dürr bemerkt zu den notwendigen Veränderungen, dass sie trotz
alledem kein steinzeitartiges Leben verlangten oder dass wir künftig
nicht in "Schutt und Asche" vegetieren müssten, sondern bei heutiger
Technik für alle wenigstens den Lebensstandard eines Schweizers von
1969 ermöglichen, was dem Einsatz von fünfzehn Energiesklaven entspricht.
Dieser in etwa anzustrebende Wert im Energieverbrauch ist nur durch
eine Änderung des gegenwärtig vorherrschenden individuellen und
kollektiven Lebensstils zu erreichen. Der bisherige Lebensstil, der
auf Bedürfnisse und Prinzipien wie Bequemlichkeit, Schnelligkeit,
Fernreisen, Vergrößerung des Warenkorbs und Billigkeit ausgerichtet
ist, muss durch Sparsamkeit, Nachhaltigkeit, Intensität der sozialen
Beziehungen und Naturbegegnungen, regionales Handeln, Bildung
relativiert werden: Geistig-seelisch statt materielle Ausrichtung,
Eigenbewegung statt Fremdbewegung, das Nahe statt das Ferne. Die
Erhaltung der Erde hat Vorrang vor Wirtschaft. Das gilt allerdings
nur, wenn es um Bedürfnisse geht, die nicht der Selbsterhaltung dienen.
Diese sehr allgemein gehaltenen Forderungen in nüchternen Begriffen
und systematische ausgedrückt: Die vier Felder: Alternative
Technologien, Effizienzsteigerung, kollektives und individuelles
Sparen und Selbstversorgung wären Kandidaten für Maßnahmen zur
Reduzierung des Energiebedarfs. Dazu einige Anmerkungen und Bewertungen:
- Die Entwicklung und Realisierung der Alternativen Technologien
sind auf dem richtigen Wege, in ihnen steckt aber ein größeres
Potential.
- Die Effizienzsteigerung im kollektiven und individuellen Gebrauch
ist, trotz einiger isolierter Erfolge, insgesamt noch
unbefriedigend. Das liegt nicht nur in Nachlässigkeit und
Bequemlichkeit begründet, sondern oft auch in Unwissenheit bzw. Fehlen
der notwendigen Voraussetzungen.
- Gleiches gilt für Einsparungen in den vier Bereichen Wärme,
Beleuchtung, Verkehr und Produktion. In der Produktion sehe ich großes
Potential in der Beschränkung auf sinnvolle Produkte, nicht so sehr
im Produktionsprozess selbst, wenn es um die Ersetzung von körperlich
schwerer und geistig stupider Arbeit geht.
- Die Selbstversorgung ist praktisch zum Erliegen gekommen:
Schrebergartenkolonien, Gärten oder Obstbäume an öffentlichen Wegen
sind Belege dafür. Die Schönheit des Erntens ist keine Realerfahrung
mehr, und die vielfältigen Ideen der ökologischen Bewegung um 1980
sind nicht mehr existent.
Die Umstellung von energieaufwendigen zu ernergiesparsamen
Lebensstilen wird gesellschaftlich und individuell große Probleme und
Aufgaben nach sich ziehen. Die Folgen für Wirtschaft, für
Arbeitsplätze, für soziale Sicherungssysteme sind unübersehbar. Hier
haben Schönrednereien keinen Platz, sondern es bedarf des
schonungslosen Muts eines „ökologischen Churchills“. Ich denke aber,
dass die Zukunftssicherung der Erde und der nachfolgenden
Generationen nicht Schmerzen, sondern materieller Einschränkungen
bedarf. Das ist ein großer Unterschied, zumal diese Einschränkungen
teilweise auch ein Mehr an Lebensqualität mit sich bringen.
Da in jeder alternativen Bewegung Änderungen und damit unter
Umständen Zwang verlangt werden bis hin zur Gefahr einer ökologischen
Diktatur, gilt es, den notwendigen Zwang soweit wie möglich
einzuschränken und mit vielen Freiheitsgraden auszustatten: In
welchem Feld oder in welchem „Mix“ Energieeinsparungen realisiert
werden, sollte von jedem Kollektiv und Individuum autonom
entschieden werden. Eine Hilfe könnte sein, eine negative
Hierarchie seines Energieverbrauchs aufzustellen, die mit den
energiegestützten Aktivitäten beginnt, die man entweder gar nicht in
Anspruch nimmt oder auf die man leicht verzichten könnte. Am Ende
ständen schmerzhafte Verzichte, die noch gerade oberhalb der
Selbsterhaltung enden. Meine Liste könnte wie folgt aussehen: Verzicht
auf Motorensport zu Land, Wasser und Luft in jeglicher Art,
Hallenbäder, exotische Früchte, Fernreisen, Fernsehapparat
insbesondere mit großflächigen Mattscheiben, Auto, Geschirrspüler.
Schwieriger wäre schon der Verzicht auf das tägliche Duschen, auf
Zugfahrten und Internetnutzung. Das ist meine Liste, die meines
Freundes sieht schon anders aus, denn jeder muss selbst entscheiden,
wo sie oder er Energie sparen wird.
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Klassen und Klassenbewusstsein
Meine
Umdeutung eines Grundgedankens von Marx: Nach Marx ermöglichen
die jeweils in einer Gesellschaft bestehenden Produktionsverhältnisse
die Entwicklung der Produktivkräfte bis zu einem bestimmten Stand, von
dem ab dann deren Ermöglichung in Fesselung umschlägt. Auf dieser
Entwicklungsstufe entstehen gesellschaftliche Spannungen, die
schließlich zu einer gewaltsamen Umwandlung der
Produktionsverhältnisse führen, die nun eine weitere Entwicklung der
Produktivkräfte ermöglichen. Nach Marx bestehen die
Produktionsverhältnisse aus sich antagonistisch
gegenüberstehenden Klassen, wobei die herrschende Klasse über die
materielle und symbolische Macht in einer Gesellschaft verfügt. Dieser
Klassenbegriff entspricht meinen Wahrnehmungen nach nicht mehr
der Wirklichkeit. Einerseits bestehen zwar die Klassen - von der
materiellen Ausstattung mit Gütern her gesehen - weiterhin, wobei
sich hier die Schere noch weiter öffnet. Anderseits haben
sich die Klassen - vom Bewusstsein und vom Informationsstand her
gesehen - in eine relativ homogene Einheitsgesellschaft aufgelöst. Alle
definieren sich über den Konsum. Tendenziell fühlt sich keiner mehr als
Herr, sondern mehr als Getriebener bis hin zu Opfer. Und dieses
Gefühl ist berechtigt, denn es herrscht die Logik des Gesamtsystems,
das entscheidend von der Entwicklung der Produktivkräfte gesteuert
wird. Phänomene wie Hochkultur, Tradition, konkrete Naturdinge,
unteres oder oberes Klassenbewusstsein, substantieller
Individualismus sind für den gegenwärtigen Entwicklungsstand und für
die weitere Entwicklung der Produktivkräfte (ich denke da insbesondere
an die neuen Medien und Transporttechnologien) hemmend und
verschwinden immer schneller aus Praxis, Wertekanon und
Bewusstsein. Die gegenwärtige Technologie braucht heute als optimales
Umfeld die homogene Einheitsgesellschaft, deren Mitglieder sich
nur noch quantitativ im Haben von Konsumgütern unterscheiden: Alle
machen (Fern-)Reisen, alle haben Autos, alle benutzen die gleichen
Medien, alle verfügen über beträchtliches Eigentum. Die Frage ist, ob
in Zukunft auch die quantitativen Differenzen eine Fesselung für die
Produktivkräfte sein werden und deswegen ebenfalls verschwinden müssen.
Ob damit viel an (Hoch-) Kultur und Humanität gewonnen ist, wage ich zu
bezweifeln.
Der materielle Reichtum hat sich in den
letzten 50 Jahren versiebenfacht (Mathias Greffrath). Damit haben die
Waren allein dank ihres schieren Umfangs Macht über den Menschen
erlangt. Die rationale Bewirtschaftung dieser Massen umfasst vieles:
Sich systematisch über die Fülle der Angebote in verschiedenen Medien
einschließlich Sonderkonditionen informieren, die Preise vergleichen
und sich entscheiden, den Kaufakt auf direktem
oder indirektem Wege einschließlich der Kenntnis und Bestimmung
notwendiger Infrastrukturen eruieren und organisieren, die
Unterbringung und Pflege der Waren, über deren Verweildauer
entscheiden und letztlich deren Entsorgung . All diese Aktivitäten
verlangen umfassendes Wissen, „Ausbildung“, große
Flexibilität, Einsatz, Konzentration, Ausdauer und fressen
viel Zeit. Insgesamt Anforderungen, die denen eines Berufs nahe kommen.
Mit anderen Worten: Nach meinen Erfahrungen hat sich insbesondere
in den letzten zwanzig Jahren ein mit einem Beruf vergleichbares,
abgrenzbares und zusammenhängendes Tätigkeitsfeld herauskristallisiert,
das ich vorläufig – bis ein passenderes Wort gefunden wird –
„Warenverwalter bzw. Warenverwalterin“ nenne. Diese Entwicklung findet
nur noch in der Dimension des Habens (Erich Fromm) statt und
verselbstständigt sich zunehmend. Der oder die Agierende wird zu einem
privaten homo oeconomicus, d. h. die Firma ist der private
Haushalt. Beide sind vom Aufwand her vergleichbar. Wohl gemerkt, es
geht hier nicht um das Konsumieren an sich, sondern um den heute so
aufwendigen Erwerbsvorgang.
Da dieses Tätigkeitsfeld als Arbeit noch nicht auf den Begriff gebracht worden ist, ist es nicht verwunderlich, dass selbst die Betroffenen diesen Prozess als Arbeit und Beruf noch nicht wahrgenommen haben, zumal die Waren produzierende Industrie und der Handel alles unternehmen, den Arbeitscharakter dieser Tätigkeiten nicht ins Bewusstsein gelangen zu lassen, indem sie dafür sorgen, dass sie als reiner Lustgewinn wahrgenommen und interpretiert werden.
Eine Pointe dieser Ausführungen liegt im Folgenden: Es besteht keine Notwendigkeit mehr, von qualitativ verschiedenen Klassen zu sprechen, denn es gibt heute nicht mehr qualitative, sondern nur noch quantitative Unterschiede, die allerdings massiv sind. Mit anderen Worten: Die gegenwärtige Gesellschaft kennt tendenziell nur noch eine (1) Qualität, die des Konsumerwerbs. Es gibt also nicht zwei oder mehrere verschiedene Qualitäten, die es rechtfertigen, zwei oder mehrere Klassen zu konstituieren bzw. zu bestimmen. Es gibt nur noch quantitative Unterschiede innerhalb der einen vorhandenen Qualität. Es wäre daher unsinnig, von mehreren Klassen zu sprechen oder die Gesellschaft mit einer einzigen Klasse auszustatten. Diese behauptete Eindimensionalität ist die Haupttendenz der gesellschaftlichen Entwicklung. Natürlich gibt es innerhalb dieser dominierenden Dimension Binnendifferenzierungen wie in der Autowelt zwischen Porsche und Smart, zwischen Autos mit konventionellen und Elektroantrieb - oder aus ökonomischen Gründen nur den Wunsch nach diesen Dingen. Aber Praxen und Wunschwelten jenseits dieser Systemgrenzen sind substantiell nur in Spuren vorhanden.Die gegenwärtigen „hemmenden“ Faktoren für die weitere Entwicklung der Produktivkräfte ist also nicht mehr die Klassenstruktur einer Gesellschaft, sondern die noch wirksamen materiellen und ideellen Werte, die momentan in breiter Front höchst wirkungsvoll auf praktischer Ebene demontiert werden. Diese Werte, die man auch als Gebrauchswerte im weitesten Sinne bezeichnen kann, werden durch Tauschwerte ersetzt. Den Tauschcharakter einer Ware erkennt man relativ leicht an der Verpackung, an der Werbung und oft am Design. Offensichtlich vollkommen unbemerkt daherkommend ist dagegen die Durchsetzung des Tauschwertes im Denken, Fühlen und Handeln von immer mehr Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Was ist damit gemeint? Der Tauschwert ist primär keine materielle Eigenschaft, sondern eine Haltung und Einstellung zu Dingen und Waren im Modus des Habens. Diese Haltung des Habenwollens von so vielen Dingen und Waren wie möglich ist das Endziel des Denkens und Handelns. Ein kritisches Hinterfragen des Habens sowohl als Haltung als auch bezüglich Sinnhaftigkeit, Ausbeutung, ökologischer Belastung von bestimmten Waren ist deshalb unmöglich, weil es eben das letzte Ziel ist. Die Haltung des Habens ist kritikresistent, denn es gibt nicht die Möglichkeiten der Ablehnung, der Negation, der Abweichung. Der Mensch liebt zwar immer noch Dinge, Orte und auch Menschen, aber sie sind tendenziell problemlos austauschbar mit anderen Dingen, Orten und Menschen, die der Markt mit aller vorhandenen Macht anbietet und durchsetzt.
Indem wir zulassen, dass die Wertewelt auf einen Wert (Konsum) verengt wird, sind zugleich wir aktiver und passiver Teil dieser eindimensionalen Welt geworden. Kritik wird somit zugleich unumgänglich Selbstkritik, wobei letztere es immer besonders schwer hat. Deswegen soll dieser Essay mit einer zweifachen Kritik meiner Kritik beendet werden: Wie vielleicht einige meiner Aussagen suggerieren, ist real die Dialektik nicht festgestellt, denn immer wieder zeigen sich, oft unerwartet, hoffnungsvolle Gegentendenzen, zu denen vorliegender Artikel übrigens auch zählen möchte. In diesem Zusammenhang bin ich übrigens der dogmatischen Meinung, dass unser Rechtsstaat eine unhinterfragbare und unverzichtbare Bedingung für eine nicht still gestellte Dialektik ist. Und es gibt allein schon des Todes wegen keine absolut stabilen und „ewigen“ Beziehungen zu den Dingen und Menschen, was auch nicht einmal wünschenswert wäre. Aber es gibt ein jeweiliges Optimum der Stabilität – und das anzustreben wäre die regulative Idee unserer Bemühungen in humaner und ökologischer Absicht.
..Entgegensetzen und Unterscheiden
Es
wäre falsch, Eigenbewegung und Fremdbewegung als absolute Gegensätze
aufzufassen. Dagegen spricht schon, dass in beiden Begriffen „Bewegung“
enthalten ist, sie also neben Unterschieden Gemeinsames haben wie
Ortswechsel, neue Räume erschließen, ein Ziel erreichen, „dabei sein“.
Wenn ein weit entferntes Ziel erreicht werden soll, ist Fremdbewegung
unverzichtbar. Nicht immer ist ein Entweder-Oder angesagt.
Eine
„Entgegensetzung“ ist eine Beziehung, in der die beiden Pole
nichts Gemeinsames, keine gemeinsame Schnittmenge haben. Ein
„Unterschied“ ist dagegen eine Beziehung, in der
die Pole Anteile vom jeweils anderen Pol haben. Beide Pole
der Unterscheidung sind also immer ein Gemisch von
graduellen Unterschieden. So ist das Begriffspaar „Natur und Kultur“
keine Entgegensetzung, sondern eine Unterscheidung:
In Natur ist immer Kultur und in Kultur immer Natur
enthalten. Denn jedes natürliche Ding ist kulturell überformt: Es
gibt heute keine von Menschen unberührten Ökosysteme mehr und
selbst der Begriff „Natur“ gehört eindeutig zur Kultur.
Umgekehrt ist jeder kulturelle Gegenstand letztlich aus Natur
hervorgegangen. Auch der Kultur schaffende Mensch hat
nicht nur kulturelle, sondern auch natürliche Anteile in sich.
Und
das gilt für jeden Dualismus wie Subjekt und Objekt, Eigenbewegung und
Fremdbewegung, Kritik und Kritisiertes. Heinrich Heine hat sich
nie als das Gegenteil von der Masse betrachtet. Er ließ immer
durchblicken, dass das von ihm Kritisierte auch in ihm selbst vorhanden
war. Oder Thomas Manns Diktum, dass er nach rechts ginge, wenn das
Schiff nach links absacke und umgekehrt. Selbstironie, über die beide
Autoren reichlich verfügten, untergräbt ebenfalls die Gefahren
einer Verabsolutierung.
Entgegensetzungen erweisen sich bei
genauer Analyse als Unterschiede. Entgegensetzungen gibt es
nur auf der Ebene der Sprache, nicht in der Realität. Setzt man
Sprache mit Realität gleich, ist man also schnell im Irrtum. Es gibt
real also nur Richtungen, Schwerpunkte, Akzentuierungen und damit
Hierarchien. Diese Auffassung ist nicht neu, sondern wird
beispielsweise in der Dialektik, im Dekonstruktivismus oder in
der Hybrid-Theorie ausdrücklich thematisiert. Dass es trotzdem immer
wieder zu Rückfällen in die Entgegensetzung kommt, liegt einerseits in
der linearen Struktur der Sprache, andererseits im Wesen des Begriffs
begründet, der eingrenzt und ausgrenzt, gleichzeitig etwas sagt und
nicht sagt. Das Ausgegrenzte gibt aber keine Ruhe, überwindet die
willkürliche Grenze. Ich denke, solange wir sprechen, befinden wir uns
in dieser Gefahr und können sie nur relativieren, indem wir sie ständig
im Hinterkopf haben und falls nötig, auch artikulieren.
Der Motor aus anthropologischer Sicht
1.
Die uns umgebende Dinge teile ich nach dem Kriterium
„Natur-Technik-Anteile“ in vier Gruppen: a) reine Natur (wie in
einigen Naturschutzgebieten), b) nichtmaschinelle
Gebrauchsgegenstände (von Bett bis Straßen), c) Werkzeuge und
Maschinen, die mit menschlicher, animalischer oder
Naturkräften betrieben werden (von Messer bis Fahrrad)
und d) motorenbetriebene Maschinen (von Autos, elektrischen
Zahnbürsten, automatisch sich öffnenden Türen bis Fernseher). Die
Reihenfolge spiegelt die historische Entwicklung.
2.
In welchem Verhältnis stehen Motore zur Technik? Motore sind eine
Teilmenge der Technik. Betrachten wir zuerst die Technik: Jeder
Herstellungsakt bedarf eines Könnens, das die Griechen mit techne
bezeichneten. Technisches Denken ist ein, vielleicht das
konstituierende Merkmal des Menschen. Die Struktur dieses
inneren Könnens führte schnell zum Erfinden von (äußerlichen)
Werkzeugen und später zu einfachen Maschinen wie Wassermühlen, die von
Naturkräften angetrieben werden mussten. Mit der Erfindung der
Dampfmaschine von James Watt im Jahre 1764 begann das Zeitalter der
Motore, die– im Gegensatz zu den bisher von Naturkräften abhängigen
Maschinen - grundsätzlich von Ort und Zeit unabhängig sind und
vor allem ständig in ihrer Effizienz gesteigert und in ihrer Ausdehnung
verkleinert werden können, so dass sie jetzt überall problemlos selbst
ins Körperinnere eingebaut werden können. Der lange noch nicht beendete
Siegeszug der Motore hatte seinen Schwerpunkt bis zum Zweiten Weltkrieg
primär in der Produktion, danach begann erst langsam, dann immer
schneller das Eindringen von Motoren in die Lebenswelt und dann in das
Leben selbst.
3. „In das Leben selbst“ meint zweierlei:
Zum einen wurde der Einsatz von Tieren zur Verrichtung von Arbeit
schlicht abgeschafft und durch Motore ersetzt, zum anderen ersetzen
Motore ebenfalls zunehmend Muskelbewegungen des Menschen. Die muskuläre
Haupttätigkeit besteht heute darin, Knöpfe zu bewegen.
Ausdauernde Füße und geschickte Hände haben im Produktionsbereich und
im normalen Alltagsvollzug keine Funktion mehr. Nicht umsonst spricht
man in diesem Zusammenhang von der sitzenden Gesellschaft. Aber es ist
nicht zu bezweifeln, dass Motore die Möglichkeiten der
menschlichen Wahrnehmung nahezu ins Unermessliche gesteigert haben (man
denke nur an die vielen Fernsehprogramme), jedoch um den Preis der
Stillstellung der Muskeln des Menschen, denn Motore erweitern nicht,
sondern ersetzen die Muskeln.
4. Man kann
diese Entwicklung – wie faktisch die gesamte Menschheit
zumindest auf praktischer Ebene denken, fühlen und handeln – als
naturwüchsig und damit nicht beeinflussbar halten. Dem widerspreche ich
entschieden, denn mit dieser universellen Ersetzung, statt des
sinnvollen Einsatzes in begrenzten Feldern, verschwindet meiner
Ansicht nach langfristig der Mensch als Mensch. Warum diese
radikale Aussage?
5. Das entscheidende Kennzeichen der
lebendigen Natur ist das Vorhandensein und der Einsatz von
inneren und äußeren Bewegungen. Wenn Motore inzwischen auch zu einem
Selbstzweck geworden sind, so besteht ihre wesentliche Hauptfunktion
immer noch darin, die Bewegungen des Menschen zu ersetzen – mit der
Folge, dass der Motor sich bewegt, nicht der Nutzer. Nicht „Ich
bin beweglich“, sondern meine von mir benutzten Motore sind beweglich.
Je mehr Motore Bewegungen von mir übernehmen, desto
überflüssiger wird mein realer Leib. Was passiert mit meinem Gehirn,
meinem Geist oder gar meinem rein geistigen Ich, wenn dieser Prozess
der universellen Motorisierung weiter voranschreitet? Wir haben kein
empirisches Wissen darüber, wie ein körperloses Gehirn in einem
Retortenglas in einer Nährstofflösung „lebt“, geschweige über ein
immaterielle Ich. Wir wissen nur aus sinnlichen
Deprivationsexperimenten, wie kurzfristig die Probanden diesen
Zustand aushalten. Körperlosigkeit muss die Hölle, nicht das
Paradies des Menschen sein.
6. Fazit: Nicht die
Technik ist das Fremde und das Andere, sondern die Motoren. Motore
ersetzen die Muskeln, die Muskeln konstituieren aber den Menschen. Der
Motor bewirkt nicht nur die Trennung des Körpers von der realen Umwelt,
sondern die Trennung des wahrnehmenden Ichs von seinem eigenen
Körper. Das ist der Selbstmord des Ichs, weil dieser enteignende
Prozess von ihm selbst initiiert wurde und wird. Aber genau analysiert,
ist dieser Selbstmord eine hypothetische Aussage, denn wir (noch)
körperlich existierenden Menschen können absolut nicht wissen, wie es
ist, ein Ich ohne Körper zu sein. Es gibt fundierte Vermutungen, dass
ein körperloses Ich über kein Selbstbewusstsein mehr verfügt, sondern
nur noch funktioniert. Wenn das zutrifft, dann wären die Motore die
evolutionären Nachfolger des Menschen.
Zusatz: Es geht hier nicht um die ökologische oder ökonomische Dimension des Motors
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Warum der Begriff der Eigenbewegung unverzichtbar ist? - Das „motorisierte Auge“ ist eine Defizitform
Ich
teile die Dinge bzw. Körper der Welt in anorganische, organische
und Artefakte (der Motor ist ein besonderes Artefakt). Im
Zusammenhang mit der Eigenbewegung sind folgende Prozesse auf und in
den Körpern wichtig:
Der Begriff Eigenbewegung hat
aus folgendem Grund bisher nicht die Bedeutung und Verbreitung erlangt,
die er haben müsste: Nach Anson Rabinbach in "Motor Mensch.
Kraft, Ermüdung und die Ursprünge der Moderne" (2001) haben
die Pioniere der Theorie der Krafterhaltung (hier
insbesondere Hermann von Helmholtz 1821 – 1894) einen einheitlichen
Kraftbegriff herausgearbeitet, so dass jede Energieform in eine andere
verwandelt werden kann, denn die verschiedenen Kraftformen
sind Manifestationen einer einzigen Kraft. Im Rahmen dieses
einheitlichen Kraft- und Bewegungsbildes sehen selbst die Biologie und
Medizin keinen Grund, den Bewegungsbegriff zu
differenzieren. Meines Wissens nach war es erst Ivan Illich
(1980), der mit der Unterscheidung von metabolischer und exogener
Energie die Notwendigkeit legitimierte, von zwei verschiedenen
Qualitäten der Bewegung zu sprechen, die dann von einigen
Autoren, so von Niemann (1996) und auch von mir (Maaßen, 2006) in
Eigenbewegung (Lebewesen) und Fremdbewegung (Motore) differenziert
wurde.
Da insbesondere in den letzten Jahrzehnten
motorenbetriebene Maschinen nicht nur umfassend in der Produktion
eingesetzt werden, sondern auch massiv das Alltagsleben bestimmen,
ergibt sich zwangsläufig die Aufgabe, zwischen beiden
Bewegungsformen zu unterscheiden, um so den Zugang zu notwendigen und
alternativen Handlungsmöglichkeiten zu öffnen. Die folgende
begriffliche Unterscheidung von Eigenbewegung und Fremdbewegung beruht
auf folgende Überlegungen:
1. Für alle
Körper gilt: Von außen wirken auf sie Massenanziehungskräfte, in
ihnen wirken Verschleißprozesse (= Entropie) und sie haben
Wirkungen auf ihre Umwelt.
2.
Im Inneren von Lebewesen und Motoren wird potentielle Energie, z. B. in
Form von Nahrungsmitteln oder Benzin, gelagert, die auf einen
Impuls hin freigesetzt und in Bewegung überführt wird: Sie führen
Eigenbewegungen durch. Aus dieser Perspektive gesehen
sind beide in ihrer Bewegungsfähigkeit und Realisation
autonom. Zwischen beiden besteht in dieser Hinsicht kein
grundsätzlicher Unterschied.
3. Aber
einer anderen Unterschied ist wesentlich: Motorbewegungen haben
auf ihren „Motorkörper“ außer dem oben genannten Verschleiß keine
Wirkungen, während menschliche Bewegungen (und die anderer Lebewesen)
neben dem Körperverschleiß substantielle Veränderungen auf Körper,
Geist und Seele in Form von einzigartigen Aufbauprozessen (= negative
Entropie) wie Muskeln, Willen und Ichidentität stärken und
sinnliche Dingerfahrungen vermehren zur Folge haben.
4.
Die Entscheidung für die Realisierung einer motorisierten oder
menschlichen Bewegung liegt grundsätzlich im (!) menschlichen Subjekt,
während die Bewegung selbst dann ein rein physisch/physiologischer
Vorgang ist, der ständig durch neue Entscheidungen in seinem Verlauf
und Intensität beeinflusst werden kann.
5.
Wer seine Eigenbewegung auf Motore überträgt, verhindert
Aufbauprozesse und verzichtet auf bestimmte Wirkungen auf die
jeweilige Außenwelt. Ein Beispiel für innere und äußere Wirkungen, die
gleichzeitig stattfinden: Wenn ich tanze, verbessere ich
meine körperlichen und mentalen Fähigkeiten (Innenwirkung) und erfreue
gleichzeitig meine Tanzpartnerin (Außenwirkung).
6.
Menschen, die ihre Eigenbewegung den Motoren überlassen, werden
faktisch selbst zu Motoren, die wie mit einem
Filmapparat ausgestattet sind. Man könnte auch von „motorisierten
Augen“ sprechen. Diese bewegungslose Lebensform genügt vielen
Menschen offensichtlich.
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Banken und Gesellschaft
In
einem Kommentar der FAZ wird analysiert: Seit den siebziger Jahren
steigen in Deutschland die Ausgaben des Staates schneller als die
Einnahmen (z. B. im Gegensatz zur Schweiz). Durch das Öffnen aller
Geldschleusen erzeugte man Wachstum aber gleichzeitig trieben sie
durch niedrige Zinsen und hohe Inflation Staaten, Unternehmen und
Privatleute in die Verschuldung. In einer Welt mit zu viel und zu
billigem Geld erhöhen alle ihr Risiko. Es entstehen Preisblasen an
Vermögensmärkten, bis die Spekulation am Aktien-, Kapital- oder
Häusermarkt platzt. Am großen Rad des billigen Geldes drehten alle
mit. Das ist allerdings„nur“ eine von zumindest zwei
Dimensionen. Die aus meiner Sicht entscheidende ökologische Dimension
wird überall, übrigens auch von den Grünen, konsequent
ausgeblendet: Die bisher immer größeren Preisblasen
realisieren sich in Infrastrukturmaßnahmen bis zum privaten
Konsum. Das reicht von dem Bau von allgemeinen Krankenhäuser,
Konzertsälen, Autobahnen bis hin zu privaten Häusern, Flugreisen und
Anzügen. Wobei jeder ausgegebene Euro zumindest am Ende der
Kette zu geformter Materie und Energie wird, egal, ob
Endprodukt oder Mittel. Das dafür notwendige Quantum von Materie
und Energie entspricht genau der? der ökologischen Belastung und
Transformation der Natur. Wenn das stimmt, dann wäre Schuldenabbau
gleichzeitig eine genuin ökologische Maßnahme. Aus dieser Logik
ergibt sich übrigens: Die Begründung der Gewerkschaftler, dass
massive Lohnzuwächse die Binnennachfrage stärke, stimmt auf dem ersten
Blick, auf dem zweiten ist es ein Münchhausen-Trick, sich an seinem
eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen. Warum: Die Lohnzuwächse müssen
bezahlt werden, wenn kein reales Äquivalent vorhanden ist, wird eben
„in die Blase gepustet“.
Mir geht es aufzuzeigen, dass Ökonomie und Ökologie zwei Seiten desselben Prozesses sind. Ein Wissen, über dass weder bürgerliche noch marxistische Ökonomen und Politiker vor 1970 verfügten und erst durch die danach einsetzende Ökologiebewegung teilweise ins öffentliche Bewusstsein drang und jetzt wieder im Nowhere verschwunden ist bzw. verdrängt wurde.
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Die gute und die schlechte Seite der Moderne
Jeder Kaufakt von Waren und Dienstleistungen ist auch ein politischer,
denn er hat Folgen auf Ökologie und auf die Gesellschaft einschließlich
der sozialen und baulichen Strukturen. Die Summe aller dieser Kaufakte
auf globaler Ebene hat inzwischen Größen und Qualitäten
angenommen, die ökologisch absolut unverträglich sind: Die
Lebensgrundlagen aller Lebewesen, letztlich auch die das Menschen, sind
bereits zerstört oder stehen vor ihrer Vernichtung. Diese Folgen
sind natürlich nicht intendiert, sondern Nebenfolgen eines Handelns,
das im Kleide der Normalität daher kommen.
Allgemeiner formuliert:
Inhumane Handlungen haben in der Geschichte in der Regel
verschiedene Quellen: Die einzigartigen Verbrechen Deutschlands
während des Nationalsozialismus oder Gräueltaten während der
Stauferherrschaft im Mittelalter (darüber lese ich gerade), sind für
mich Beleg dafür, dass der demokratische Rechtsstaat die große, nicht
zu kritisierende Errungenschaft der Moderne ist, was natürlich
nicht eine Kritik bestimmter sozialer Prozesse und Zustände
ausschließt. Fundamental verändert werden müssen allerdings
Konsums und Umfang und Weise der Produktion, weil sie unmittelbar
Ursache der oben genannten ökologische Krise ist. Wir müssen
unsere Leben, unsere Zivilisation, nachhaltig organisieren, d. h.
Welt nicht für unsere Zwecke vollkommen funktionalisieren, den Akzent
von materiellen Werten mehr auf geistige und soziale Werte legen. Das
sagt sich leicht, aber dieser die Not wendende Umbau ist eine riesige
Aufgabe, die von der Größe mit der der Industrialisierung vergleichbar
ist. Das wird man spätestens dann bemerken, wenn abstrakten
Aussagen in konkretes Handeln überführt werden. So z. B. als kleiner
Fang: im Urlaub auf das Auto verzichten. Mein Fazit: Die
Moderne ist politisch hervorragend, sozial verbesserungsfähig und
ökologisch eine Katastrophe.
Es geht primär um eine andere Zivilisation, nicht primär um eine andere Kultur.
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Eigenbewegung (Anthropologie)
In
der Anthropologie, Kognitionswissenschaft und Physiotherapie wird als
Eigenbewegung eine aktive Veränderung der eigenen räumlichen Position
(oder der Position eines Wahrnehmungsorgans) bezeichnet, die für die
Umwelt- und Selbstwahrnehmung von entscheidender Bedeutung ist. Die
Eigenbewegung und die ausgeblendete jeweilige Umwelt bilden eine
unaufhebbare Einheit, beide sind gleichwertig. Die einseitige
Funktionalisierung der Eigenbewegung auf körperliche und mentale
Stärkung entspricht nicht ihren Möglichkeiten. Die Eigenbewegung
entfaltet ihren Wert und ihr Potenzial erst in sinnen- und
sinnvollen natürlichen, kulturellen und sozialen Umwelten. Sie stärkt
und schont gleichzeitig diese Umwelten, so dass sie auch als eine
ökologische und ökonomisch-politische Kategorie aufgefasst werden
kann.
Andere Bedeutungen des Ausdrucks
Eigenbewegung finden sich in der Physik, der Technik und im Recht der
privaten Unfallversicherung.
Inhaltsverzeichnis
• 1 Bewegung und Eigenbewegung in der Physik und Astronomie
• 2 Eigenbewegungen von Lebewesen
• 3 Eigenbewegungen des Menschen und Fremdbewegungen durch Motore
• 4 Eigenbewegung des Menschen als Erlebnis oder als Beschreibung
• 5 Physiologie der Eigenbewegung und ihre Funktion im Erkenntnisprozess
• 6 Bedeutung der Energie im Vermittlungsprozess
• 7 Die Einheit von Eigenbewegung und Weg
• 8 Eigenbewegung und Sport
• 9 Eigenbewegung und Gesundheit
• 10 Geschichte der Eigenbewegung
• 11 Ausblick: Eigenbewegung als ökologische, soziale und ökonomisch-politische Kategorie
• 12 Literatur
• 13 Weblinks
• 14 Belege
Bewegung und Eigenbewegung in der Physik und Astronomie
Das
von Newton aufgestellte Trägheitsgesetz besagt, dass jeder Körper im
Zustand der Ruhe oder in der geradlinigen, gleichförmigen Bewegung
beharrt, wenn nicht eine Kraft auf ihn einwirkt. Definiert man
Ruhe als einen Spezialfall der Bewegung mit der Geschwindigkeit Null,
dann befinden sich alle Körper in Bewegung. In der Astronomie
kennt man zusätzlich den Begriff der Eigenbewegung. Wilhelm
Herschel untersuchte 1783 vierzehn Sterne, wovon sich elf auf
einen gemeinsamen Punkt hin bewegen. Den drei Sternen, deren
Bewegung nicht auf diesen Punkt ausgerichtet war, schrieb er eine echte
eigene Bewegung zu.
Veränderungen des jeweiligen Bewegungs-
bzw. Ruhezustands werden durch einwirkende Kräfte,
die immer verkörpert sind, verursacht. Diese Gegenkräfte
haben ihren Ursprung in atomaren bis kosmischen Kraftfeldern.
Der
Begriff „Energie“ konkretisiert den allgemeinen, ja
metaphysischen Begriff „Kraft“ und macht damit Kraft
anschaulicher und berechenbar. Der Begriff Kraft erscheint erstmals
wohl um 1800. Oft werden beide Begriffe synonym verwendet
Eigenbewegungen von Lebewesen
Alle
Dinge der Welt werden bewegt. So sind auch Lebewesen dieser allgemein
wirkenden Bewegung unterworfen, sind aber auch in der Lage, zusätzliche
Bewegungen durchzuführen, die außerhalb der von der Physik
beschriebenen gesetzmäßigen Bewegungen liegen. Diese
"zusätzlichen“ Bewegungen des Menschen sind von der Bedeutung und
der Sache nach Eigenbewegungen, werden in der Literatur aber
unter Benennungen Wandern, Sport, Bewegung,
Langsamkeit Flüchtigkeit, Technikkritik, verinselte Kindheit,
Nachhaltigkeit, sanfter Tourismus, Tod der Stadt, Verschwinden der
Wirklichkeit, veränderte Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstrukturen,
Regionalismus, Kritik des Autos, Entschleunigung, Cittaslow usw.
isoliert und spezifisch definiert behandelt und dargestellt. Folgende
Ausführungen führen die bereits bestehenden Theorieelemente zu einer
vereinheitlichenden Theorie der Eigenbewegung zusammen.
Ein
Unterschied zwischen (allgemeinen) Bewegungen und lebendigen
Eigenbewegungen besteht darin, dass bei ersteren eine Gegenkraft den
jeweiligen Körper grundsätzlich immer von Außen angreift – entweder an
bestimmten Stellen oder an der gesamten Oberfläche -, während bei
Lebewesen der „Angriffspunkt“ der Kraft bzw. Energie im Innern wirksam
ist. Eigenbewegungen bedürfen zusätzlicher Energien in Form von
Nahrung, um ihre „eigenen“ Bewegungen aufrecht zu erhalten. Man
unterscheidet äußere, körperlich-muskuläre von innerer,
geistig-neuronaler Eigenbewegung. Die handlungstheoretische Definition
„Denken ist internalisiertes Tun“ ist ein Ausdruck für diese
Differenzierung. Im Fortgang vorliegender Ausführung wird wie im
alltäglichen Sprachgebrauch unter Eigenbewegung verkürzt die
körperlich-muskuläre Bewegung verstanden, die Ortsveränderung
ermöglicht. Freiheit, Geschichtlichkeit, Sprache und
Eigenbewegung machen nach Eugen Fink die vier Existenzialien des
Menschen aus.
Eigenbewegungen des Menschen und Fremdbewegungen durch Motore
Der
Begriff Eigenbewegung evoziert die Frage nach seinem Gegenpol, der
Fremdbewegung. Fremdbewegungen sind technisch erzeugte statische oder
mobile Bewegungen, die in den von Menschen geschaffenen Motoren und
deren Maschinen materialisiert bzw. verkörpert sind. Da sie
Eigenbewegungen von Menschen ersetzen, macht es aus dieser Perspektive
Sinn, die Motorenbewegungen als Fremdbewegung zu bezeichnen. Zwischen
Eigenbewegung und Fremdbewegung besteht ein wesentlich existenzieller
Unterschied: Lebewesen haben im Energieeinsatz in der Evolution einen
„Umweg“ eingeschlagen, indem sie die in der aufgenommenen Nahrung
vorhandene Energie in körpereigene umwandeln (Assimilation), diese
speichern, um bei Bedarf mit dieser Energie ihre Bewegungen autonom zu
steuern. Das ist die materielle Basis für die Freiheitsräume des
Menschen. Aber unzweifelhaft bestehen zwischen den Eigenbewegungen von
Lebewesen und den Fremdbewegungen durch Motore strukturelle und
funktionelle Ähnlichkeiten, da Technik nicht das Andere des Menschen
ist, sondern zu seinen Wesensmerkmalen gehört: Menschliches Handeln
besteht aus technischer Kausalität und basiert auf Freiheit. Genau
diese interne Kausalität hat der Mensch in Maschinen und Motoren
veräußert – oft nach dem Modell von Lebewesen. Und umgekehrt den
Menschen nach dem Modell Maschine. Aber nicht nur die
Erfindung und Herstellung, sondern die manuelle Steuerung bzw.
entsprechende Programme sind immer menschlichen Ursprungs. Es ist
begründet, die Technik bzw. ihre Erzeugnisse als die zweite Natur des
Menschen zu bezeichnen. Aber im Gegensatz zu seiner ersten Natur
ist die zweite Natur eine vom Menschen selbst geschaffene und damit
unter Umständen auch veränderbar, ja rückgängig zu machen z. b. durch
Abschaffung oder Nichtindienstnahme.
Eigenbewegung des Menschen als Erlebnis oder als Beschreibung
Man
kann die Eigenbewegungen des Menschen unterscheiden in innere
Bewegungen des Körpers, um überhaupt zu leben, in Bewegungen der Hand,
um Umweltbedingungen zu verändern und Bewegungen mit dem Fuß, um
Ortsveränderungen durchzuführen.
Die Eigenbewegungen aktivieren
und umfassen immer den ganzen Menschen: seine äußeren Bewegungen wie
die von Organen, Händen und Füße und seine inneren Bewegungen wie
Bewusstsein, Wahrnehmung, Denken, Kognition, Gefühle, Wollen, Werte,
Subjektivität und die Fähigkeit zur Selbstreflexion.
Die äußeren
Bewegungen beginnen mit Kopfbewegungen und Bewegungen der Gliedmaßen,
wobei zumindest Greif- und Saugreflex eine angeborene Struktur
besitzen. Später differenzieren sich diese Bewegungen zu spezifischen
Mustern in den verschiedenen Berufen, Künsten, Freizeitaktivitäten und
Alltagsverrichtungen aus.
Alle diese Prozesse haben jeweils eine
subjektive und objektive Seinsweise von denkbar höchster
Verschiedenheit. Die subjektive Seinsweise heißt hier: Die jeweilige
Eigenbewegung erscheint im Bewusstsein eines Ichs in der ersten Person
Singular und wird ausschließlich nur hier erlebt. Dieses phänomenale
Bewusstsein ist eines der zentralen Probleme der Philosophie des
Geistes und wird dort unter dem Begriff Qualia behandelt. Man
versteht darunter den subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen
Zustandes. Das Erleben von Quantität und Qualität der eigenen
Bewegungen ermöglicht erst das, was man als Identität bezeichnet.
Dieses Erleben macht den eigentlichen und nicht ersetzbaren Wert der
Eigenbewegung aus.
Erlebnisse kann man aber auch von außen
mündlich oder schriftlich beschreiben, indem man sie objektiviert. Das
kann auf zweierlei Weise geschehen: Einmal kann der Akteur sein
Erlebnis selbst beschreiben, indem er sich zum quasi-objektiven
Beobachter seines Erlebnisses macht. Oder eine Eigenbewegung wird von
einem externen Beobachter wahrgenommen und beschrieben. In diesem Fall
liegt vollständige Objektivität vor. Zudem entsteht im externen
Beobachter – und das ist oft ein nicht wahrgenommenes Phänomen –
parallel ein inneres Erlebnis, gewissermaßen eine sekundäre Qualia,
sein Erleben von Eigenbewegungen eines anderen Menschen. Es entsteht
Täuschung, wenn man sich, wie zum Beispiel beim Fernsehen, diese
Differenz nicht bewusst macht.
Physiologie der Eigenbewegung und ihre Funktion im Erkenntnisprozess
Für
die Durchführung von Eigenbewegung sind Muskel- und Nervengewebe neben
den Deck- und Bindegeweben konstituierend für die Durchführung von
Eigenbewegung. Die Nerven sind basal in vegetativen Prozessen, in
Empfindungen, Wahrnehmungen, Gefühlen, Willen sowie in Leistungen des
Verstandes und der Vernunft wirksam. Muskeln ermöglichen, Objekte von
verschiedenen Standpunkten aus wahrzunehmen und Ortsveränderungen sowie
Handlungen durchzuführen. Darüber hinaus sind sie substanziell in den
Sinnesorganen tätig und beeinflussen bzw. „färben“ zumindest alle
Nerventätigkeiten. Die Kognition hat ihren Ursprung und Schwerpunkt im
Nervensystem. Dagegen haben Werte und Gefühle ihren Ursprung in den
Muskeln und nicht in den Nerven - Nerven machen sie nur bewusst. Dass
es Übergänge von Sein zum Bewusstsein, von Physiologie und Psychologie
gibt, ist unbestritten. Der Mensch (und alle Lebewesen) ist auf eine
gelingende Zusammenarbeit beider Systeme existenziell angewiesen -
zumindest auf minimaler Ebene: Selbst der Fußballspieler (hier Betonung
auf Muskeln) muss wissen, welche Funktion ein Tor hat und wo es steht,
selbst der Philosoph (hier Betonung auf Nerven) muss zumindest seine
Augen bewegen und die Seiten des Buches umschlagen bzw. die Knöpfe
seines Computers bedienen.
In welchem Verhältnis stehen das
Nerven- und Muskelsystem physiologisch zueinander? Auf der Ebene der
Zellen lassen sich beide Systeme eindeutig unterscheiden, denn sie sind
durch einen Hiatus, d. h. durch einen unüberwindbaren Graben
voneinander getrennt. Zwischen ihnen gibt es, von Reflexen abgesehen,
keine substanzielle Einheit. Beide Systeme befinden sich nicht in einem
naturwüchsigen, prästabilisierten Gleichgewicht.
Jakob von Uexküll
mit dem Funktionskreis und Viktor von Weizsäcker mit dem Gestaltkreis
haben wichtige Einsichten für das Verstehen der funktionalen Einheit
von Wahrnehmen und Bewegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
gelegt. Dass zwischen Geist und Körper eine intensive und starke
„Zusammenarbeit“ bestehen muss, zeigen auch Forschungsergebnisse der
Kognitionspsychologie, Entwicklungspsychologie, Deprivationstheorie und
Neurophysiologie, die Arbeiten der Philosophen Schopenhauer und
Nietzsche sowie der Pädagogen Hugo Kükelhaus und Horst Rumpf und
humanistische Psychologen wie Moshé Feldenkrais und Alexander Lowen -
um die bekanntesten zu nennen.
Angemerkt werden muss, dass es bis
jetzt nicht eindeutig und zweifelsfrei gelungen ist, das Zusammenwirken
von Muskel- und Nervensystem, den Übergang von Sein zum Bewusstsein zu
beschreiben. Hier gilt immer noch das Wort von Emil Heinrich Du
Bois-Reymond „Wir wissen nicht“ (ignoramus), wofür sicherlich auch das
Moment der Freiheit eine Ursache ist. Da der Mensch nur über eine
residuale Instinktausstattung verfügt, kann und muss er über Lernen
beide Systeme stark machen und in ein Gleichgewicht bringen.
Erkenntnistheoretische
Systeme, die aus der Aufklärung kommen oder ihr verpflichtet sind,
haben große Schwierigkeiten, den sich bewegenden Körper
systematisch-konstitutiv zu verorten. In der Einleitung zur
transzendentalen Logik schreibt Kant: "Wollen wir die Rezeptivität
unseres Gemüts, Vorstellungen zu empfangen, so fern es auf irgend eine
Weise affiziert wird, Sinnlichkeit nennen; so ist dagegen das Vermögen,
Vorstellungen selbst hervorzubringen, oder die Spontanität des
Erkenntnisses, der Verstand"[1]. Sinnlichkeit und Verstand sind
also die zwei Quellen der Erkenntnis. Natürlich ist auch hier die
Sinnlichkeit an Sinnesorgane, insbesondere an die Augen (und damit auch
an den Körper) gebunden, aber es ist eine reduzierte Sinnlichkeit, die,
vom Verstand geleitet, dessen Vorgaben in der Außenwelt lediglich
bestätigt. Das erkennende Subjekt wird zu einem punktförmigen, fast
körperlosen Selbst und der sich bewegende Körper aus
erkenntnistheoretischer Perspektive überflüssig. Wegen dieser
Einseitigkeit hatten es ganzheitlich-praktische Ansätze in der
Erkenntnisvermittlung an Schulen und Hochschulen schwer, angemessen
berücksichtigt zu werden.
Ein weiteres Argument für die Position,
dass der sich bewegende Körper eine condition humaine im
Erkenntnisprozess ist, liefert folgender Hinweis: Nach der Theorie der
verkörperten oder situierten Künstlichen Intelligenz scheiterten bisher
alle Versuche, autonome künstliche Intelligenzsysteme zu realisieren
auch daran, dass diese Systeme über keinen Körper verfügen. Warum
ist das ein Problem? Nur über den sich bewegenden Körper kommen die
notwendigen und unverzichtbaren Werte in das kognitive System hinein.
Diese Werte entscheiden über Setzungen, Selektionen, Präferenzen aus
der unendlichen Zahl aller kombinatorischen Möglichkeiten. So ist
selbst die Setzung, die Logik zur Richtschnur von wahren und falschen
Verknüpfungen zu machen, eine wertende. Ginge man nicht von einem Leib
aus, müsste man auf idealistische Konzepte zurückgreifen - was ja im
kognitivistischen Wissenschaftsverständnis nicht zulässig wäre - oder
emergenzphilosophische Konstrukte heranziehen. Als reale Quelle und als
Erklärung bleibt dann nur der sich bewegende Körper übrig. Das
kinästhetische System ist unverzichtbar für die Weltaneignung nicht nur
in der Kindheitsphase (wie es die Entwicklungspsychologie mit Recht
lehrt), sondern in allen Lebensphasen. Mit der Reduzierung
kinästhetischer Aktivitäten werden gleichzeitig Ding- und
Raumerfahrungen reduziert und damit auch Sinn und Bedeutungen
(bekanntlich besteht eine enge Beziehung zwischen Sinne und Sinn).
Bedeutung der Energie im Vermittlungsprozess
Die
Energieflüsse bewirken, dass aus Strukturen Prozesse, dass aus Muskeln
Bewegungen werden. Sie schaffen im Gehirn Synapsen in Form von
Bahnungen, durch die äußere und innere Bewegungen geleitet
werden. Als Beispiel möge der Greifreflex dienen, der über das
vorbegriffliche Greifen mit dem begleitenden Spüren und Fühlen zum
verbalen Begriff mit dem begleitenden Denken, Ordnen und Sprechen
führt. Die Bahnungen zerfallen, wenn nichts für ihren Erhalt getan
wird. Der Weg der Information aus der Umwelt ins Bewusstsein überquert
zwei entscheidende Übergänge, gewissermaßen Brücken: a) die zwischen
materieller Umwelt und Muskeln und b) die zwischen Muskeln und Nerven.
Die Prozesse am ersten Übergang kann man analog der Prägung beschreiben
und erklären: Die Muskeln werden in der körperlichen Auseinandersetzung
von der jeweiligen physischen Umwelt im Verhältnis ein-zu-eins geprägt.
Steige ich eine Treppe hinauf, wird deren funktionale Form in mir
muskulär abgebildet. Beim zweiten Übergang findet keine Prägung,
sondern eine Konstruktion statt: An den Muskeln befinden sich der
Tastsinn, der innere Bewegungssinn und der Gleichgewichtssinn. Die
jeweils muskulär erfahrene Umwelt wird von diesen Sinnen „aufgenommen“
und mit Hilfe zusätzlicher neuronaler Systeme zu Informationen
verarbeitet. Inwieweit die muskuläre Prägung und die zusätzlichen
Sinneserfahrungen abgebildet, modifiziert oder gar neu konstruiert
werden, ist erkenntnistheoretisch nicht eindeutig zu beantworten. Hier
findet der bereits angedeutete geheimnisvolle Übergang vom Sein zum
Bewusstsein statt. Bei diesen Prozessen handelt es sich aber nicht um
eine Einbahntrasse: Die über die Muskeln vermittelte Umwelt wirkt auf
das Nervensystem ein wie umgekehrt das innere Bild der Umwelt über das
Nerven- und Muskelsystem als Handeln verändernd auf die Umwelt
einwirkt. Zumindest am Endpunkt dieses Prozesses ist die Energie nicht
mehr neutral, entqualifiziert, homogen, sondern von inneren Anlagen und
äußeren Bedingungen geformt und gerichtet: aus körperlicher ist
geistige Energie geworden. Deutlicher und verständlicher werden die
existenziellen Veränderungen der energetischen Prozesse in der
Eigenbewegung, wenn man die in Maschinen und Motoren wirkenden
Energieprozesse analysiert. Die Energie, die das Auto bewegt, fließt an
den Fahrenden vorbei, berührt und verändert sie nicht, während durch
Eigenbewegung ein Prozess in Gang gesetzt wird, der den Menschen in
seiner Ganzheit erfasst. Erst in ihr und aus ihr konstituieren sich
Körper, Geist und Seele, ja existenzielles Selbstbewusstsein. Das ist
die entscheidende Differenz zwischen Eigen- und Fremdbewegung.
Die Einheit von Eigenbewegung und Weg
Die
isolierte Bewegung eines Körpers ist eine Abstraktion, die es so in der
Realität nicht gibt. Eigenbewegung ist ein hochkomplexer und
ganzheitlicher Vorgang, an dem nicht nur Körper, Seele und Geist,
sondern auch natürliche, soziale und kulturelle Umwelten als Gegenwart,
Erinnerung und Hoffnung beteiligt sind. In diesem Prozess beeinflussen
und verändern die beteiligten Funktionen und Dimensionen sich
gegenseitig.
In der konkreten Bewegung verengt sich der Raum zu
einem Weg. Dessen Ausdehnung beschränkt sich nicht auf seinen
materiellen Untergrund. Der Weg schließt ein, was auf und an ihm, wobei
das »an« weit in den Tiefenraum gehen kann bis hin zum Horizont. Er
umfasst Steigungen, Untergründe, Menschen, Autos, Gebäude, Tiere,
Pflanzen, Regen, Sonne, Wind, Gerüche, Stille, Geräusche und
spezifische Atmosphären wie eine Stimmung am frühen Sonntagmorgen in
der Allee, also Phänomene, die man als halbobjektiv auffassen kann. Und
an diesen Dingen »kleben« Bedeutungen, also individuelle und kollektive
Geschichte, Assoziationen, Werte, Wünsche usw. In metaphysische
Dimensionen gelangt man, wenn man materiellen Untergrund und
Nichtmaterielles weiter hinterfragt. Der Weg ist also nicht linear,
nicht zweidimensional, sondern zumindest dreidimensional, ja
mehrdimensional, wenn man Zeit, Leben und Metaphysik hinzunimmt. Wege
sind sehr verschieden. Das Spektrum reicht von Trampelpfaden bis zu
Autobahnen, von bestehenden zu neu zu bahnenden, von bekannten zu
unbekannten, von reizvollen zu reizarmen, von schwierigen zu leicht
begehbaren, von aufsteigenden zu absteigenden Wegen, mit und ohne
Menschen, mit verschiedenen Natur-, Kultur- und Sozialanteilen. Wege
sind Projektionsfläche von funktionalen, ästhetischen und sozialen
Wünschen und Zielsetzungen.
Eigenbewegung und Sport
Das
große Anregungspotenzial einer vielfältigen Umwelt gilt es in der
Eigenbewegung zu nutzen. Sportliche Tätigkeiten tun dies nicht! Die
Beziehung des Sports zur Umwelt kann man gut mit den Begriffen
Assimilation und Akkommodation aus der Theorie Piagets, die den Geist
aus dem Handeln ableitet, erklären. Akkommodation besteht in der
Schaffung neuer Begriffe, Assimilation in der Auffüllung dieser
Begriffe. Wenn ein Kleinkind für alle größeren vierbeinigen Haustiere
den Begriff »Hund« benutzt, wird es eines Tages gezwungen sein, einen
zweiten Begriff »Katze« aufzubauen (Akkommodation) und jeweils mit
verschiedenen Katzen und Hunden zu füllen (Assimilation). Nach diesem
Prinzip verläuft der gesamte Bildungsprozess: Neue Begriffe bilden und
diese mit Inhalten füllen, wobei es auch hier wieder auf ein
Gleichgewicht zwischen beiden Prozessen ankommt.
Der Sport hat zur
Umwelt ein Verhältnis der Assimilation, das heißt, die Umwelt muss
bekannt und berechenbar sein, so dass sie mühelos in die
Bewegungsabläufe integriert werden kann. Sonderformen des Sports wie
Querfeldeinrennen, Wildwasserfahrten, Bergtouren mit Mountain-Bikes
usw. müssen eine sehr differenzierte Umwelt berücksichtigen und sich
ihr anpassen (Akkommodation). Aber diese Anpassung gilt nicht dem
Kennenlernen der Umwelt als Selbst- und Bildungszweck, sondern dient
der Weiterentwicklung der körperlichen Fähigkeiten, so dass man auch
von einer sekundären Assimilation sprechen kann. Selbst sinnen- und
sinnreiche Umwelten werden im Sport zu subjektiv monotonen Umwelten. In
der Regel sind sie es auch real wie z. B. Sportarenen. Dieser
grundsätzliche Einwand gilt, was die soziale Umwelt betrifft, nicht für
den Mannschaftssport, der ein idealer Ort für soziales Lernen ist.
Eigenbewegung und Gesundheit
Die
vollkommene Ruhe, die vollkommene Bewegungslosigkeit ist der Tod, aber
auch die zunehmende Ersetzung der Eigenbewegung durch technische
Bewegungen wäre aus der Perspektive Gesundheit und Subjektivität
Verlust: Eigenbewegung ist ein Existenzial wie Sprache und Freiheit. In
und durch die Eigenbewegung hat der Mensch einerseits die Möglichkeit
des direkten Zugangs zur Welt und zu sich selbst, andererseits wie ein
Handwerker aber auch Veränderungen durchzuführen.
Insbesondere
neuere Befunde aus der Onkologie, Orthopädie, Psychiatrie, Kardiologie
und Demenzforschung haben zu einer positiven Einstellung gegenüber der
Eigenbewegung geführt und zu einer Abkehr von Therapien auf Basis
„Ruhe“. Das gilt auch für die Vorbeugung: Eigenbewegung hat positive
Auswirkungen auf Knochen, Haut, Muskeln, Harnwege, Lungen,
Herz-Kreislauf-System, Verdauung, Sexualität und Schmerzempfindungen.
Die Risiken bei Diabetis, Krebs, Bluthochdruck verringern sich,
Gedächtnisschwund und Alterungsprozesse verlangsamen sich. Die
Beziehung zwischen Bewegungsmangel und Übergewichtigkeit ist gut
erforscht. Die positiven Auswirkungen der Eigenbewegung auf die
seelisch-geistige Gesundheit sind vielfältig: Sie fördert Stressabbau,
wirkt gegen Melancholie, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizitstörungen.
Durch den direkten Kontakt zu sich selbst werden Identität und
Selbstbewusstsein beeinflusst sowie die Zuversicht in die eigenen
Fähigkeiten gefördert. Für den Aufbau von Erkenntnisvoraussetzungen,
Intelligenzentwicklung und primärem Erfahrungswissen sind
Eigenbewegungen konstitutiv.
Geschichte der Eigenbewegung
Am
Anfang steht die Eigenbewegung: Nichtmenschliche Lebewesen führen sie
ausschließlich durch, außer wenn sie transportiert werden. In der
Geschichte der Menschheit gibt es zu Beginn und über eine lange Periode
hinweg allein die Eigenbewegung. Erst mit der Domestikation von Tieren,
insbesondere des Pferdes, der Entdeckung und Nutzung der Wind- und
Wasserkraft und der Erfindung von komplizierten Werkzeugen gelang es,
teilweise die Eigenbewegung bei Herstellungsprozessen und
Ortsveränderungen durch mechanische Apparaturen zu ersetzen, die
allerdings noch direkt, d. h. vor Ort von natürlichen Energiequellen
wie Wind, Wasser, Tier oder Mensch gespeist werden mussten: Mit der
Erfindung der Dampfmaschine von James Watt im Jahre 1769 löste sich die
starre Verknüpfung von zu betreibender Maschine und Energieträger. Die
notwendige Energie konnte nun an jedem Ort und zu jeder Zeit
freigesetzt und eingesetzt werden.
Im Fortgang dieser Entwicklung
wurden alle Prozesse, die algorithmisch verlaufen, zunehmend von
motorenangetriebenen Maschinen übernommen. Die Geschichte der
Eigenbewegung ist eine Geschichte der Verdrängung durch die Technik.
Exemplarisch dazu drei Befunde: Während vor ca. 10 000 Jahren unsere
Vorfahren bis zu vierzig Kilometer täglich laufen mussten, um den
Energiebedarf der Sippe zu decken, läuft der Bundesbürger heute
außerhalb von Häusern täglich durchschnittlich 650 Meter. Jährlich
werden allein in der Bundesrepublik acht Milliarden Fahrten unter einem
Kilometer mit dem Auto durchgeführt. Die gegenwärtige Gesellschaft wird
zunehmend zu einer sitzenden Gesellschaft. Diese Entwicklung besteht
aus einem Bündel von Ursachen, die sich teilweise ergänzen und
überschneiden: Bequemlichkeit als die zumeist unbewusste Antwort auf
die körperlichen Mühen und Anstrengungen des Großteils einer
Gesellschaft in der Vergangenheit (im klassischen Athen waren nur ca.
fünfzehn Prozent der Bevölkerung freie Bürger); die Befreiung von
harter körperlicher und geistig stupider Arbeit durch technische
Erfindungen, die teilweise Selbstzweck wurden; Technik als Ware mit den
entsprechenden Verkaufsstrategien; die real bestehenden
Effizienzvorteile in bestimmten Bereichen wie Schnelligkeit, Ausdauer
und quantitativer Output; die Technik wird richtig als eine Erweiterung
menschlicher Fähigkeiten bestimmt, aber fälschlicherweise werden die
realen technischen Produkte einem Kritiktabu unterworfen. Eine Kritik,
dass durch die Technik der Mensch reduziert und gefährdet werden
könnte, ist innerhalb dieses Denkrahmens nicht möglich.
Trotz
vieler positiver Errungenschaften, wird es zunehmend Aufgabe sein, den
Anteil an Fremdbewegung zu begrenzen, um der subjekterzeugenden und
–stabilsierenden Eigenbewegung notwendigen Raum und Zeit sowie
Eigenwert zu geben.
Ausblick: Eigenbewegung als ökologische, soziale und ökonomisch-politische Kategorie
Grundsätzlich
verbrauchen Eigenbewegungen neben dem normalen Stoffwechsel keine
zusätzlichen Energien, zudem sind sie nicht materialaufwendig. Den
Anteil der Eigenbewegung insbesondere bei Ortsveränderungen zu
vergrößern, ist effektiver Klimaschutz. Eigenbewegungen liefern
ebenfalls einen Beitrag zur Reduzierung internationaler und nationaler
politischer Probleme, denn der ständig größer werdende Bedarf an
Energie weltweit erzwingt imperiale Interventionen, zunehmend
riskantere Formen der Energiegewinnung wie Atomstrom und Ölbohrungen in
Tiefseebereichen und zukünftige Subventionen für billige Energie, um
drohende Aufstände zu verhindern.
Die Auswirkungen von
Eigenbewegungen auf Landschaft sowie auf Städte sind schonend. Ein
altes Stadtviertel kann problemlos den Besuch vieler Menschen
verkraften. Ein Mehr an Eigenbewegung ist effektiver Umweltschutz.
Durch ihre konkrete Leiblichkeit ermöglichen und fördern
Eigenbewegungen spontan entstehende soziale Gebilde und
face-to-face-Öffentlichkeit.
Die Förderung der Eigenbewegung ist
eine zentrale politische Aufgabe mit ökonomischen Implikationen. Die
bereits formulierten und praktizierten, aber isolierten Alternativen in
der Medizin, in Sport- und Freizeitwissenschaften, in Kommunikation und
Interaktion, in Stadt- und Siedlungsentwicklung, in Umwelt- und
Klimaschutz, in der neuen Wanderbewegung und steady-state-economy haben
als gemeinsamen Kern die Eigenbewegung - oft selbst noch unbegriffen.
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11.
Dieser Hinweis geht auf eine schriftliche Mitteilung von Manuela
Lenzen, Wissenschaftsredakteurin in der FAZ zurück, die zu dieser
Problematik veröffentlicht hat.
12. Spitzer, M.: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Heidelberg 2002, ISBN 3-8274-1396-6, S. 65
13.
Bollnow, O. F.: Mensch und Raum, 8. Aufl. Stuttgart 1997, ISBN
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14.
Piaget, J.: Psychologie der Intelligenz, 2. Aufl. Zürich 1947, S.
140 - 175; Piaget, J.: Einführung in die genetische Erkenntnistheorie,
Frankfurt a. M. 1973, ISBN 3-518-27606-9, S. 96 - 104
15. Blech,
J.: Bewegung. Die Kraft, die Krankheiten besiegt und das Leben
verlängert, Frankfurt a. M. 2007, ISBN 978-3-10-004414-3. Eine
fundierte und gut lesbare Zusammenfassung der Ergebnisse.
16.
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie: Zukunftsfähiges
Deutschland in einer globalisierten Welt, 2. Aufl., Frankfurt a. M.
2008, ISBN 978-3-596-17892-6, S. 34 - 51
(in Wikipedia gelöscht)